Das Meer der endlosen Ruhe (Roman)

Emily St. John Mandels Das Meer der endlosen Ruhe erzählt mehrere Geschichten, die zunächst kaum etwas miteinander zu tun zu haben scheinen. Ein junger Engländer reist Anfang des 20. Jahrhunderts nach Kanada und erlebt dort etwas höchst Seltsames. Viel später begegnen wir unter anderem einer Schriftstellerin, die zwischen Erde und Mondkolonie unterwegs ist, und weiteren Figuren, deren Geschichten sich nach und nach miteinander verbinden.

Mehr sollte man über den Inhalt eigentlich gar nicht wissen. Ein großer Teil des Reizes besteht gerade darin, herauszufinden, wie diese verschiedenen Zeiten und Figuren zusammengehören und was hinter den merkwürdigen Ereignissen steckt.

Mir hat vor allem die Grundidee sehr gut gefallen. Zeitreisen sind hier nicht einfach nur ein Mittel, um Figuren bequem durch verschiedene Epochen zu schicken, sondern sie berührt ganz direkt die Frage, wie Geschichte überhaupt funktioniert, wenn Vergangenheit und Zukunft nicht mehr so sauber voneinander getrennt sind, wie wir es gewohnt sind.

Gerade darin steckt für mich aber auch das größte ungenutzte Potential des Romans. Aus dieser Idee hätte man problemlos eine sehr viel größere Geschichte machen können. Fragen nach Erinnerung, Identität, Ursache und Wirkung oder auch danach, wie viel Bedeutung Entscheidungen noch haben, wenn die eigene Biografie nicht mehr als einfache Linie betrachtet werden kann, bieten eigentlich Stoff für einen viel umfangreicheren und tiefergehenden Roman.

Das Buch entscheidet sich aber für einen anderen Weg. Es bleibt insgesamt recht leichtgewichtig und erzählt seine Geschichte angenehm, klar und ohne großen philosophischen Ballast. Das hat durchaus seinen Reiz und hat mich beim Lesen auch nicht gestört. Gleichzeitig hatte ich immer wieder das Gefühl, dass hinter manchen Gedanken noch sehr viel mehr steckt, das nur kurz angerissen wird.

Trotzdem hat mir Das Meer der endlosen Ruhe gut gefallen. Die Prämisse funktioniert, die Auflösung ebenfalls, und die Geschichte liest sich sehr angenehm. Für mich ist es weniger ein großer, tiefschürfender Science-Fiction-Roman als eine elegante und unterhaltsame Ausarbeitung einer wirklich starken Idee. Gerade weil diese Idee so ergiebig ist, bleibt am Ende aber auch ein wenig das Gefühl zurück, dass daraus noch sehr viel mehr hätte werden können.

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