Harry August, geboren am 1. Januar 1919 im Bahnhof von Berwick-upon-Tweed, wächst als Waisenkind bei seinen Adoptiveltern auf und führt ein weitgehend unspektakuläres Leben. Er erlebt den Zweiten Weltkrieg, geht seiner Arbeit nach, wird älter und stirbt schließlich 1989 in einem Krankenhaus in Newcastle. Dann wird am 1. Januar 1919 im Bahnhof von Berwick-upon-Tweed ein Junge geboren. Sein Name ist Harry August.
Schon als kleines Kind beginnt er, sich an sein früheres Leben zu erinnern. Anfangs sind es nur einzelne Erinnerungsfetzen, doch mit zunehmendem Alter kehrt sein gesamtes früheres Bewusstsein zurück. Harry erinnert sich an Menschen, die er kennengelernt hat, an Ereignisse, die noch gar nicht stattgefunden haben, und schließlich sogar an seinen eigenen Tod. Verwirrt und von seinen Erinnerungen überwältigt, glaubt er, den Verstand verloren zu haben. Sein zweites Leben endet entsprechend tragisch.
Doch Harry wird erneut geboren. Wieder am selben Ort, zur selben Zeit. Und wieder kehren seine Erinnerungen zurück. Allmählich beginnt er, sich mit seinem Schicksal zu arrangieren. Auf der Suche nach Antworten widmet er eines seiner Leben der Religion, beschäftigt sich mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen und philosophischen Vorstellungen, ohne darin eine befriedigende Erklärung für seine Existenz zu finden. In einem anderen Leben sucht er die Antworten in der Medizin, später in den Naturwissenschaften. Doch so viel Wissen er auch ansammelt, die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Warum geschieht ihm das alles?
Eines Tages erfährt Harry, dass er mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, oder vielleicht besser gesagt mit seiner Bürde, keineswegs allein ist. Es existieren weitere Menschen, die nach ihrem Tod immer wieder am selben Tag geboren werden und sich an ihre früheren Leben erinnern können. Sie nennen sich Kalachakra und haben im Laufe der Jahrhunderte gelernt, sich miteinander zu verständigen und ihre Erfahrungen auszutauschen.
Harry gewöhnt sich zunehmend an seine ungewöhnliche Existenz. Mit dem Wissen und den Erfahrungen aus seinen früheren Leben kann er seine Zukunft in gewisser Weise selbst gestalten. Mittlerweile organisiert er seine nächsten Leben beinahe so routiniert, wie andere Menschen ihren nächsten Urlaub planen. Doch eines Tages erscheint an seinem Sterbebett ein kleines Mädchen und überbringt ihm eine beunruhigende Nachricht: Das Ende der Welt steht bevor. Und mit jedem weiteren Durchlauf der Geschichte rückt dieses Ende näher.
Für Harry beginnt eine Suche nach den Ursachen dieser Entwicklung, die ihn über mehrere Leben hinweg beschäftigen wird. Was zunächst wie ein faszinierendes Gedankenexperiment über Wiedergeburt und Erinnerung beginnt, entwickelt sich zu einer spannenden Geschichte über Freundschaft, Verantwortung, wissenschaftliche Neugier und die Grenzen dessen, was der Mensch wissen sollte.
Claire North überzeugt mit einer außergewöhnlichen Grundidee und einem ebenso intelligenten wie fesselnden Schreibstil. Besonders gefallen haben mir die geistreichen Dialoge, Harrys philosophische Überlegungen und seine oft von trockenem Humor begleiteten Selbstgespräche. Die Autorin versteht es hervorragend, ihre fantastische Ausgangssituation in eine ansonsten erstaunlich glaubwürdige Welt einzubetten.
Dabei verzichtet sie weitgehend auf übertriebene Action, spektakuläre Katastrophen und jene großen Hollywoodszenen, mit denen andere Autoren vergleichbare Geschichten gerne überfrachten. Die Spannung entsteht vielmehr aus den Figuren, ihren unterschiedlichen Überzeugungen und den Konsequenzen ihres Handelns. Besonders die Auseinandersetzung zweier Menschen, die einander über mehrere Leben hinweg begegnen, gewinnt eine bemerkenswerte psychologische Tiefe. Dabei sind die Motive beider Seiten durchaus nachvollziehbar, auch wenn ihre Ziele schließlich unvereinbar werden.
Bemerkenswert ist auch, wie selbstverständlich North mit den verschiedenen Lebensläufen und Zeitebenen umgeht. Die Erzählung folgt keineswegs immer einer strengen Chronologie, sondern springt zwischen Harrys zahlreichen Existenzen hin und her. Was zunächst verwirrend erscheinen könnte, entwickelt einen ganz eigenen erzählerischen Rhythmus. Erinnerungen, Erfahrungen und Begegnungen aus unterschiedlichen Leben greifen ineinander und ergeben nach und nach ein immer vollständigeres Bild. Dabei gelingt es der Autorin, Harry trotz seiner ungewöhnlichen Existenz als ausgesprochen menschliche Figur zu zeichnen. Er ist neugierig, macht Fehler, entwickelt sich weiter, zweifelt und verzweifelt gelegentlich. Und auch nach vielen Jahrhunderten gesammelter Erfahrungen ist er keineswegs allwissend.
Was mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen hat, ist die Konsequenz, mit der Claire North ihre ungewöhnliche Prämisse verfolgt. Sie begnügt sich nicht damit, Harry immer wieder neue Abenteuer erleben zu lassen, sondern beschäftigt sich mit den philosophischen und moralischen Fragen, die sich aus seiner Existenz zwangsläufig ergeben. Was bedeutet ein einzelnes Menschenleben, wenn man beliebig viele davon zur Verfügung hat? Welche Verantwortung trägt jemand, der die Zukunft bereits kennt? Und wo liegen die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis, wenn man Jahrhunderte Zeit hat, nach Antworten zu suchen?
Das Ende selbst ist vielleicht ein wenig dramatischer geraten als der übrige Roman, bleibt dabei aber angenehm zurückhaltend und bildet einen überzeugenden Abschluss der eigentlichen Handlung. Die eigentliche Stärke der Geschichte liegt ohnehin weniger in ihrer abschließenden Zuspitzung als in der vielschichtigen Auseinandersetzung ihrer Figuren, deren Beziehung über zahlreiche Leben hinweg eine immer größere Bedeutung gewinnt.
Mein Fazit: Ein außergewöhnlich intelligenter, hervorragend geschriebener Science-Fiction-Roman, der seine Spannung nicht aus möglichst großen Effekten, sondern aus einer faszinierenden Idee und deren menschlichen Konsequenzen bezieht. Eine Geschichte, die nicht nur während des Lesens fesselt, sondern deren Fragen einen noch lange danach beschäftigen.
Den letzten halben Stern behalte ich mir vor, weil der Roman einige für mich durchaus grundlegende Fragen offenlässt, auf die ich mir etwas aufschlussreichere Antworten gewünscht hätte. Andererseits sind es gerade diese Fragen, die in meiner Vorstellung weiterleben, lange nachdem die eigentliche Geschichte zu Ende erzählt ist. Vielleicht ist das gar kein so schlechter Ausgang für einen Science-Fiction-Roman.
4,5 von 5 Sternen.
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